Des Kölners liebstes Wohnzimmer: zu Gast im Lommerzheim, oder: Köln ist ein Jeföhl

Des Kölners liebstes Wohnzimmer: zu Gast im Lommerzheim, oder: Köln ist ein Jeföhl

„Jede Jeck is anders“ lautet ein kölsches Sprichwort, mit dem Kölner*innen gewissermaßen für Vielfalt werben. Jede*r darf in Köln so sein, wie er/sie ist – und isst! Denn mit über 1200 Restaurants, 85 Bars, 11 Sternerestaurants, 820 Kneipen und 570 Imbissbuden ist wohl für jeden kulinarischen Jecken etwas dabei, egal, ob moderne Molekular- oder traditionell Kölsche Küche. Aber in nur einem Laden hat der kölsche Grundsatz, dass jede Jeck anders ist,  eine so eigene Tradition, wie in der „kölschesten aller Kölschkneipen“ und des Kölners liebsten Wohnzimmers: dem Lommerzheim in Deutz.

Schon mein Großvater war hier regelmäßig Gast. War die Kneipe gut besucht, setzte er sich zu Fremden an den Tisch oder machte es sich auf einem der berühmten „Zusatzstühle“ bequem: einem Colakasten aus dem Innenhof, der mit einem dicken Telefonbuch aufgepolstert wurde. Das Schöne am Lommi sei immer gewesen, dass da alle Menschen gleich waren, egal, ob man zu den feinen Leuten oder zu den arbeitenden gehört habe, erzählt mein Opa gerne. Für mich klingt das nach typisch kölschem Miteinander. Jede Jeck is anders, leben und leben lassen, aber drink doch ene mit.

Das kölsche Original, Hans Lommerzheim, habe ich persönlich nicht mehr erlebt: Er gab die Gaststätte 2004 auf und verstarb kurze Zeit später auf einer Urlaubsreise. Dass ich aber trotzdem vieles von dem, was das Lommerzheim in seiner Ursprünglichkeit ausmacht, heute selbst noch erleben darf, liegt an Markus Werker.

Markus, Jahrgang 1969, ist ne echte kölsche Jung und in der Kölner Brauhauswelt groß geworden. Erste Erfahrungen als Köbes machte er neben der Schule bereits als Teenager, um sich sein Taschengeld dazu zu verdienen. Und auch neben dem Jurastudium blieb er der kölschen Brauhauskultur treu, arbeitete unter anderem für das Brauhaus zur Malzmühle und im Brauhaus Reissdorf Kleiner Griechenmarkt. In Brauhäusern herrsche ein besonderes Miteinander, sagt er, und: „Mir macht es einfach Spaß, wenn die Leute sich wohlfühlen: die machen ihre Späßchen mit mir, ich mach meine Späßchen mit denen. Und wenn es meinen Gästen gut geht, dann geht es mir gut.“

Markus Werker vor dem Lommerzheim. Foto: Laura Herrmann

2007 startete Markus bei der Brauerei Päffgen. Die war zu diesem Zeitpunkt der neue Eigentümer der Gaststätte Lommerzheim und hatte einen besonderen Auftrag für Markus:  Das Lommerzheim mit viel Liebe zu Tradition, Geschichte und Detail zu erhalten.

Schon das Wirtsehepaar Hans und Annemie Lommerzheim hatte über die Jahre und bis zum letzten Schanktag 2004 wenig bis nichts an der Gaststätte verändert. Was ortsfremden „Immis“ heute wie ein Totalsanierungsfall anmutet, ist den Kölnern in mehr als 60 Jahren zu ihrem liebgewonnenen Wohnzimmer geworden. Also blieb die Leuchtreklame „Dortmunder Actienbier“, welches in der Gaststätte übrigens schon zu Lommerzheims Zeiten nicht mehr ausgeschenkt wurde. Das große Holzsprossenfenster um die darin eingelassene Eingangstüre, die alte Wandvertäfelung, die Tapete mit der nikotingeschwängerten Patina – ja, sogar der Wasserfleck hinten rechts an der Decke des Schankraums ist dank behutsamer Renovierungs-Maßnahmen geblieben. Erneuert wurden dagegen die Küche, die Treppe im Flur („Die ist bei den Renovierungsarbeiten nämlich erst einmal eingekracht“) und die Toiletten im Innenhof. Neu hinzu kamen der atmosphärische Gewölbekeller sowie der kleine feine Biergarten auf dem ehemaligen Nachbarsgrundstück. „Ein solches Traditionslokal zu übernehmen und neu zu eröffnen, wie wir das 2008 getan haben, ist ja auch immer eine Gradwanderung. Aber ich denke, uns ist das gelungen: Wir haben viele Gäste, die noch Stammgäste vom alten Hans waren und sich freuen, dass alles so geblieben ist, wie es ist. Es stimmt wirklich, dass viele Gäste das Lommerzheim ihr Wohnzimmer nennen. Die sagen: hier kann ich mich fallen lassen, hier komm ich nach Hause“, erzählt Markus.

Und auch die Speisekarte blieb erhalten: Die berühmten Koteletts, die mit ihren 600 Gramm besonders dick und unglaublich saftig sind, kommen nach wie vor von der Metzgerei Schlömer, die auch schon Hans und Annemie Lommerzheim mit Fleisch vom Eifelschwein belieferte. Dazu gibt es Schmorzwiebeln, Pommes oder Kartoffelsalat. Wem das zu viel ist, der kann auch eine 400 Gramm schwere Bratwurst essen (die auf dem Teller einen schönen Halbkreis bildet), zwei halbe Metthappen bestellen oder auf eine Frikadelle frisch aus der Pfanne warten, mit denen zu später Stunde immer ein Köbes durchs Lokal wandert – auch hier kommt das Fleisch von der Traditionsmetzgerei.

Der heute fast schon ikonische Look, das in vielerlei Hinsicht sensationelle Essen: es zieht nach wie vor Kölner von der linken auf die rechte Rheinseite nach Deutz, Besucher aus dem Kölner Umland an, und ist insbesondere zu Messezeiten auch eine Touristenattraktion. Die Gratwanderung zwischen Alteingesessenen und Besuchern, Deutzern und Immis meistere das Lommerzheim aber seit Jahrzehnten, erklärt Markus. Spätestens nach dem Bericht in der Kölner Stadtrevue in den siebziger Jahren fand das Lommerzheim regelmäßig Eingang in Stadt- und Reiseführer – und zog sogar Präsidenten an. So wollte 1999, anlässlich des G8-Gipfels in Köln, auch der damalige US-Präsident Bill Clinton dem Lommerzheim einen Besuch abstatten. Reservieren, oder die Gaststätte gar für sich alleine beanspruchen, um den strengen Sicherheitsvorkehrungen des Secret Service zu entsprechen, konnte der Präsident aber nicht: „Dann müsste ich ja alle meine Stammgäste raussetzen. Nä, dat jeiht nit!“ soll Lommerzheim damals erklärt haben. Jede Jeck is anders – aber jede Jeck ist gleichermaßen willkommen. Dieser Grundsatz gilt auch heute noch im Lommerzheim. Reservieren kann man in der alten Stube nicht, wer sich einen Sitzplatz wünscht, steht besser pünktlich zu Ladenöffnung vor dem Lokal oder bringt etwas Geduld mit. Daran halten sich auch weitgereiste Stammgäste:

„Zweimal im Jahr begrüßen wir beispielsweise einen Stammtisch aus Washington. Und immer, wenn die Lebensmittelfachmesse Anuga ist, kommt Tomás aus Spanien, im Schlepptau immer neue Kunden“, erzählt Markus. „So haben wir bis heute eine schöne Mischung aus alten Stammgästen, Deutzern, linksrheinischen Kölnern, Kölner Einzugsgebieten und Touristen. Das macht ehrlich Spaß“, sagt Markus, der heute nicht nur Betriebsleiter der Gaststätte ist, sondern sich auch immer mal wieder für eine Schicht als Köbes unter die Leute mischt. Das kölsche Miteinander, das merkt man ihm an, begleitet ihn nicht nur in seiner mittlerweile über 30-jährigen Karriere. Es gehört für ihn dazu, wie der Dom und der FC. „Der lange Lockdown war schon hart. Zwar haben wir Ende letzten Jahres angefangen, Take-Away-Speisen anzubieten, aber der ganze zwischenmenschliche Kontakt, der unsere Arbeit ausmacht, geht dabei total verloren. Das hat dann schon auch merkwürdige Blüten getrieben: Da haben Menschen per E-Mail Essen bestellt und erst bei der Abholung fiel bei mir der Groschen, dass das Stammgäste sind – ich kenne die meisten ja nur vom Sehen und beim Vornamen, denn den brauche ich für den Bierdeckel“, lacht Markus. „Aber so lernt man sich eben auch noch besser kennen: Jetzt kenne ich auch die Nachnamen meiner Stammkunden.“

Das sollte nicht die einzige unerwartete Neuerung sein, die die Coronapandemie im Lommerzheim vorantrieb: Auch aktuell gibt es alle Speisen und das Päffgen Kölsch im „halven Pitter“ zum Mitnehmen. Besonders bemerkenswert finde ich aber ein neues Getränk auf der Karte: Den „Tank 7“, einen Gärbrand, der im Zuge des ersten Lockdowns entstand. Da stand Tank Nummer 7, gefüllt mit zwei Monate gereiftem Kölsch in der Brauerei Päffgen bereit zur Abfüllung – fand aber keine Abnehmer mehr. So entstand in Zusammenarbeit mit der Finch Whiskydestillerie der erste Bierbrand in der Geschichte der Brauerei.

Der erste Bierbrand in der Geschichte der Brauerei Päffgen: Tank 7. Foto: Laura Herrmann

Eines aber hat sich nicht verändert: das kölsche Miteinander à la „Jede Jeck ist anders“ und „Leben und leben lassen“. Einige Tage nach meinem Gespräch mit Markus bin ich wieder im Lommerzheim und setze mich mit meinem Freund Christoph an den Tisch zu Werner, Kathie, Jonas und Rolf – gerade in den aktuellen Zeiten ist der wunderschöne Biergarten im Innenhof ein Segen. Und es dauert nicht lange, da kommen wir ins Gespräch. Ich erzähle die Anekdote von „Tank 7“ und klar, dazu muss eine Runde ausgegeben werden.

„Lokale erhalten ihren Charakter über die Mentalität der Menschen“, hatte Markus während unseres Interviews noch gesagt auf meine Frage, was denn das Besondere am Lommerzheim sei. „Und Kölner haben eine besondere Mentalität: Es gibt nicht viele Städte, wo man als Fremder hinkommen und so freundlich empfangen wird wie hier. Und wenn man noch nie im Lommerzheim war und zum ersten Mal hier reinkommt, wird man eben freundlich empfangen. Es gab mal die Kampagne: Köln ist ein Jeföhl. Hier merkt man das. Und ich hoffe, dass das noch lange so bleibt.“

Lommerzheim

Siegesstraße 18

50679 Köln

Öffnungszeiten: Mi-Sa 16:30 – 00:00 Uhr

                                So 16:30 – 23:00 Uhr

Aktuell auch Sa&So. 11:00 – 14:30 Uhr

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