Em Krützche – Traditionshaus

Em Krützche – Traditionshaus

Ein Beitrag von Fred Wipperfürth

Tradition!?! Es gibt da einen Satz, der dem österreichischen Komponisten Gustav Mahler zugeschrieben wird: „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.“

Ganz offen, und auch direkt zu Beginn gesagt: Nach unserem Besuch im urkölschen Esslokal „Em Krützche“ – über das als „traditionsreiches Restaurant mitten in der Kölner Altstadt direkt am Rhein mit Blick auf die Rheinpromenade“ zu lesen ist, das es „seit mehreren Jahrhunderten besteht und zu den klassischen Adressen der Stadt gehört“ – fühlte es sich so an, als müssten wir uns draußen eher ein wenig die Asche von den Klamotten klopfen.

Mein Punkt dabei: Zuletzt bin ich im „Em Krützche“ etwa Mitte der 1980er-Jahre Gast gewesen, seinerzeit zwar als Student, aber oft eingeladen von meinem damaligen Arbeitgeber. Der hielt als Stammgast, begleitet von seiner Gattin, dort regelmäßig sogenannte Arbeitsessen ab. Und ich lernte damals nicht nur etwas übers Business, sondern auch über traditionelle Gastronomie, über holzgetäfeltes Interieur, Chippendale und Delfter Kacheln als markante Zeichen für eine gehobene Restaurant-Innenausstattung. Dazu etwas über rheinisches Fine Dining, speziell über Kalbsbries, Matjes, Wild und Gans. Und über gepflegte Gastlichkeit.

Tatsächlich ist es immer noch … traditionell hier im „Em Krützche“. Diese urig-kölnische Atmosphäre. Die historische Einrichtung. Butzenscheiben. Riesige Kronleuchter. Polsterkissen. Die zahllosen Bilder an den Wänden, großformatig bis klein geraten, viele mit historischen Motiven, aber natürlich auch zahlreiche mit prominenten Menschen. Man fühlt sich wie in einem Antiquitätenladen – wäre da nicht die Kellnerin, die nach Getränkewünschen fragt …

Abgemischt wird diese Traditionsatmosphäre mit dem dumpfen Gefühl, eher Kunde statt Gast zu sein, weil das mit der gepflegten Gastlichkeit zumindest an unserem Abend auf der Strecke geblieben ist. Warum? Die Räumlichkeiten zu kalt, die Begrüßung eher bemüht, Behaglichkeit kommt nicht auf, auch der Kümmerfaktor bleibt gering. Die Gemütlichkeit ebenfalls.


Erfreulich zumindest, dass der Service als dickes Plus im Pflichtenheft steht, mit traditioneller Professionalität, Präzision und Perfektion (Welche Kellnerin dreht heute noch bei jedem Bitburger Pils das Label auf dem Glas zum Gast!).


Okay, der Besuch eines Restaurants ist oft eine Momentaufnahme. Also gilt es, mit Bedacht Lob und Zufriedenheit zu konsumieren ebenso wie Kritik und Missmut. Und so trifft man auch bei der Suche nach Meinungsvielfalt im Netz auf Kommentare wie „aufmerksamer, freundlicher Service“ (passt ja!) oder „gemütliches, historisches Ambiente“. Auf ein Lob über einen „Ort für Menschen, die klassische Küche, Geschichte und verlässliche Gastlichkeit schätzen – und nicht gekommen sind, um ‚bespielt‘ zu werden“. Und den Satz, das „Em Krützche“ stehe „für einen seltenen, soliden Vertreter kölscher Traditionsküche, der klassische Gerichte gut zubereitet und einen Besuch wert ist“.

Zumindest an das letzte Urteil machen wir erst einmal einen Haken. Denn Vorspeisen wie die fein justierte, dickflüssige „Kölsche Kartoffelsuppe mit feinem Gemüse und Mettwurst“ und der schmackhafte, gut gefüllte, klassisch-verspielte und im Glaskelch präsentierte „Crevetten-Cocktail in Cognacsahne“ sind wirklich gelungene Traditionsküche. Irritierend ist nur, wenn beim ausgeschriebenen „Hausgemachte Reibekuchen mit gebeiztem Lachs und Schnittlauch-Zitronensauerrahm“ der Rievkooche offensichtlich nicht kölsch, sondern Convenience ist.

Insgesamt sorgt die von der Kundschaft gelobte Distanz zur „Bespielung der Gäste“ wohl auch dafür, dass zumindest unsere Tellergerichte optisch sehr schlicht daher kamen und wirklich keine Vorfreude auf den Genuss aufkommen ließen. Vielleicht darf als Entschuldigung dienen, dass bei satt gefüllten Tellern eine visuell spannende Inszenierung der Speisenkompositionen kaum möglich erscheint.

Zufrieden macht uns trotzdem eine „Kalbsleber in Salbeibutter gebraten, Gemüse der Saison und Thymiankartoffeln“, die innen noch leicht rosa ist, sehr zart, fast auf der Zunge zergeht, mit einem leicht herben, aromatischen Salbei-Ton.

Eher herzhaft und bodenständig – könnte auch ein Slogan für „Em Krützche“ sein – ist der Berg aus „zwei kleinen Wiener Schnitzeln vom Kalb mit Endivien-Kartoffel-Salat und Speck-Bratkartoffeln“, ein Kraftteller mit zarten Schnitzelchen in knuspriger Panade, zu dem die herzhaften Bratkartoffeln perfekt gepasst haben.


Getrunken wurde übrigens den gesamten Abend über nur das Signature-Bier des Hauses, ein perfekt gezapftes Bitburger Pils vom Fass (0,3 l für 3,90 Euro, 0,4 l für 4,90 Euro). Wobei: Die Weinkarte des „Em Krützche“ ist zwar traditionell (deutsch, französisch, ein einsamer Italiener), aber für ein kölsches Ess-Etablissement gut gefüllt – mit zwölf offenen Weinen (alle 8,50 Euro für 0,2 l, nur der 2024er „Fleur de Mer“ aus der Provence kostet 9,50 Euro) und 58 Gewächsen in Flaschen (deutsche Weine im Schnitt zwischen 30 und 40 Euro, französische rund zehn Euro mehr). Auffällig dabei ein 2019er Spätburgunder vom Weingut Dr. Heger („Mimus“, Ihringer Winklerberg, 59 Euro) sowie ein Cuvée aus Cabernet Sauvignon und Merlot vom Château Rauzan-Ségla (Nice to know: Seit 1994 im Besitz der Gebrüder Wertheimer, auch Eigentümer des Modehauses CHANEL) von 2019 für 122 Euro.

Zum Abschied noch ein paar Anmerkungen: „Em Krützche“ schenkt kein Kölsch aus. An Desserts haben wir uns wegen der üppigen Portionen nicht herangetraut. Nach den traditionellen und spannend zu lesenden Wild-Spezialitäten „Hirschmedaillons“, „ganzer Hasenrücken Mümmelmann“ und „Jagdfasan“ stand uns nicht der Sinn. Und das traditionelle Kalbsbries gibt es, auf Nachfrage, erst wieder zur Spargelzeit – und ist wohl einen erneuten Besuch wert, nostalgisch betrachtet.

Em Krützche

Am Frankenturm 1-3

50667 Köln

 

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