Vorhang auf im Sardinia

Vorhang auf im Sardinia

Ein Beitrag von Fred Wipperfürth

Kennen Sie diese Momente noch? Damals erlebte man sie in traditionellen Kinos, in ehrwürdigen Theatern ebenso wie in den großen Spielhäusern oder schlichten Kleinkunstbühnen. Wenn ein wuchtiger, schwerer, einer dicken Brokatdecke nicht unähnlicher Vorhang den Blick auf die Bühne verstellte. Wenn deshalb die Neugier stieg. Die Spannung wuchs. Und die Vorfreude …

Als wir das Sardinia betreten, formt dort nach dem Eintritt ein solcher Vorhang eine halbrunde Schleuse zwischen Tür und Restaurant. Sicher aufgehängt zum Schutz gegen die Luft von draußen, die ansonsten bei jedem Öffnen der Eingangstür das Restaurant mit Kälte fluten würde. Der Barkeeper an der langen Theke vorn wird es zu schätzen wissen. Und die Gäste ebenso.

Denn das Sardinia ist eine eher kleinere, verwinkelte und lässige Location – ich steh’ auf diesen coolen Backstein-Fabrikloft-Stil! –, eng bestuhlt und atmosphärisch eher ein quirliges Ristorante als ein gediegener Genusstempel. Dazu passt auch, dass Gespräche gern über Tischgrenzen hinaus eröffnet werden. Und es wird auch gern zugehört, weil Medienprominenz und Unternehmerwelt, oft am Mittag, zu den Stammgästen gehören.

In dieses italienisch anmutende Leben fließt dann auch der Service ein, ganz harmonisch. Man wird freundlich, aber verbindlich und ruckzuck an einen Tisch gesetzt, jeder und jedem wird flugs eine kleine, in braunes Leder gerollte Speisekarte vorgelegt, und dann ist erst mal … basta!

Das Gute daran: So steht niemand lange mit dem Popo vor irgendeinem Nebentisch und gleichzeitig der Kellnerschaft im Weg, wenn diese durch die Gänge zwischen den Tischen flitzt wie ein Fiat 500 durch die engen Gassen eines italienischen Dorfes.

Mein Tipp: Geben Sie sich jetzt erst einmal dem Rhythmus des Restaurants hin!

Denn wer im Sardinia einen Platz gefunden hat und nun darauf wartet, dass Gastlichkeit in langen Erklärungen, ausführlichen Beschreibungen und weich gepolsterten Höflichkeitsritualen serviert wird, der wäre sicher irritiert. Und im falschen Laden!

Das Sardinia funktioniert anders. Direkter. Schneller. Knackiger. Nicht unfreundlich, aber auch nicht überbetreut. Nix mit Helikopter-Bedienung. Eher so: Willkommen, setzen, Karte, Aperitivo, Wasser, Wein, los geht’s! Gastlichkeit ist hier eher Bewegung. Ein ständiges Kreisen um die Tische. Ein kurzer Blick. Ein schneller Zugriff. Ein Glas, das nicht ewig leer bleibt. Ein Teller, der nicht verwaist. Ein Service, der nicht dauernd am Tisch steht, aber doch ziemlich genau weiß, wann er dort gebraucht wird.

Okay, manchmal schrammt dieses Tempo an der Grenze zur Betriebsamkeit entlang. Und wer sich eher langsam in einen Abend hineinsinken lassen möchte, muss sich gegen das Grundrauschen aus Theke, Küche, Stimmen und Service erst einmal behaupten. Dazu das eigene Gespräch gegen das lebendige Drumherum beherrschen.

Ein Mangel? Nicht zwingend. Es ist eher die DNA des Sardinia, das offenkundig kein flauschiger Rückzugsort sein will, sondern ein urbanes, italienisches Esslokal. In dem Enge nicht automatisch Enge bedeutet, sondern Dichte; in dem Lautstärke nicht Lärm sein muss, sondern Leben. Und in dem Service nicht als feierliche Zeremonie auftritt, sondern als flinkes Handwerk.

Tatsächlich klappt an unserem Abend sehr viel. Der Prosecco kommt zügig, das Wasser ebenso, die Weinfrage wird nicht zur Vorlesung, sondern ordentlich gelöst. Später läuft der Abend dann in jenem angenehmen Fluss, den man in Restaurants viel zu selten erlebt: nichts hängt, nichts stockt, niemand muss mühsam herbei gewunken werden. Und wenn doch einmal ein kurzer Moment der Orientierung nötig ist, dann wird er vom Team aufgefangen, ohne dass daraus gleich eine Szene entsteht.

Gegessen haben wir übrigens sehr gut. Nicht sensationsträchtig, nicht auf große Oper getrimmt, aber wohlschmeckend, solide, italienisch-sardisch grundiert und mit genug Sorgfalt, um den Abend kulinarisch zu tragen. Ein Carpaccio zu Beginn: klar, frisch, unangestrengt. Dazu Baby Calamari, die nicht in fettiger Beliebigkeit untergehen, sondern als feine, maritime Vorspeise funktionieren. Eine Parmigiana, wie man sie sich wünscht, wenn man nicht nach Effekt, sondern nach Wärme sucht. Und eine Fischsuppe, die nicht bloß Flüssigkeit mit Einlage ist, sondern aromatisch genug, um als eigener kleiner Gang ernst genommen zu werden. Später gelungene Pasta mit Biss und Würze, wunderbar rau-sardisch abgeschmeckt. Und Fisch, der sauber zubereitet ist, angenehm auf den Punkt, ohne unnötiges Chichi. Zum Schluss Tiramisu und Tartufo Schoko, also ein Finale, das niemanden überfordert, aber vielen Abenden genau deshalb guttut. Kurz gesagt: Die Küche lieferte. Sehr ordentlich sogar. Der gesamte Abend landet später für vier Personen tutti completti bei rund 360 Euro. Das ist nicht beiläufig, aber im Kölner Gegenwartsgefüge auch kein Ausreißer, wenn Küche und Ablauf stimmen.

Zum Abschluss vielleicht noch ein wenig Bewirtungsphilosophie?! Im Sardinia ist man Gast in einem Haus, das einen eigenen Pulsschlag hat. Wer diesen Rhythmus mag, wird sich schnell wohlfühlen. Und wer das Glück hat, dass der Vorhang noch hängt (wenn’s wärmer ist), dem sei versprochen: Dieses Resto spielt kein leises Kammerspiel. Es spielt Commedia. Mit Tempo, Stimmen, Tellern, Flaschen, kurzen Wegen, kleinen Gesten und einer köbesähnlichen Gastlichkeit.

Bleibt nun der Schlussapplaus für einen gelungenen Abend. Für sehr gutes Essen, für ein Ambiente mit eigenem Charakter und vor allem für eine Form von Gastlichkeit, die nicht jedem sofort schmeichelt, aber am Ende genau das leistet, was sie leisten soll: Man sitzt gut, isst gut, trinkt gut, wird gut versorgt – und geht mit dem Gefühl hinaus, dass hinter dem schweren Vorhang am Eingang ein lebendiges Restaurant wartet. Vorhang zu? Nein. Eher: gerne wieder auf.

Restaurant Sardinia. Goltsteinstraße 118, 50968 Köln-Bayenthal. Tel.: 0221-88808881. Küche: italienisch/sardisch. Gegessen wurden: Carpaccio di Manzo, Baby Calamari alla Griglia, Burrata su Parmigiana de Melanzane, Zuppa di Pesce Cassiucco, Pasta (… ai Frutti di Mare; Pappardelle Porcini nido di Parmigiano), Fisch (Seezunge), Tiramisu und Tartufo. Rechnung für vier Personen inklusive Getränke (Prosecco, Bier, Wasser, ‘Pescaja Arneis Roero‘ aus dem Piemont (2x), Espresso: 360 Euro.

Teile diesen Beitrag mit anderen



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert